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Präsentismus im Unternehmen

Jazmin Lopez

Was ist Präsentismus

Der Begriff des „Präsentismus“ wird in den Arbeits- und Gesundheitswissenschaften verwendet, um das Verhalten von Arbeitnehmern zu beschreiben, die sich im Falle einer Erkrankung nicht krankmelden, keinen Arzt aufsuchen oder zu Hause bleiben, sondern arbeiten gehen.

Was ist der Unterschied zwischen Präsentismus und Absentismus?

Ursprünglich wurde der Begriff des „ Präsentismus“ als Gegenbegriff zum Absentismus geprägt. In seinem Bericht „How to Build Presenteeism“ hat der amerikanische Arbeitswissenschaftler Auren Uris ihn dazu 1955 erstmals verwendet. Allerdings verfolgte Uris seinerzeit das Ziel, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Anwesenheitszeiten von Arbeitnehmern durch bestimmte Maßnahmen gesteigert werden könnten. Erst später wurde erkannt, dass Anwesenheit nicht per se mehr Produktivität für ein Unternehmen bedeutet. Mitarbeiter können durch gesundheitliche Beschwerden bei der Arbeit eingeschränkt sein. Präsentismus kann somit Kosten und unternehmerische Verluste verursachen.

Warum Unternehmen die Wichtigkeit und die möglichen Folgen von Präsentismus nicht unterschätzen sollten

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Präsentismus sogar höhere Kosten verursacht als erkrankte Mitarbeiter, die der Arbeit fernbleiben. Krank am Arbeitsplatz bringen Arbeitnehmer nie die volle Leistung. Sie sind fehleranfällig, weniger empathiefähig und gerade bei einer Beschäftigung im direkten Kundenkontakt ein schwer einschätzbarer Risikofaktor: Wer möchte schon, dass ein Kunde den Eindruck hat, er sei dem Mitarbeiter zur Last gefallen oder könnte sich vielleicht sogar mit einer Erkältung bei ihm anstecken? Mit der verringerten Leistung des gesundheitlich angeschlagenen Einzelnen sinkt die Leistungsfähigkeit des gesamten Teams, das gegebenenfalls auch einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist.

Gründe warum Präsentismus mehr beachtet werden sollte

Die Krankenkasse Vitality errechnete, dass der Produktivitätsverlust durch Präsentismus der britischen Wirtschaft einen Schaden von mehr als 100 Mrd. US-Dollar zufügt. Die Zahlen aus Großbritannien zeigen, dass die produktive Zeit der Mitarbeiter aufgrund von Krankheit durchschnittlich um 35,6 Tage sank. 90 % der verlorenen Zeit waren auf Präsentismus zurückzuführen.(1)

Zugleich wächst das Risiko eines langfristigen Ausfalls stark bei Personen, die mehrmals im Jahr trotz Erkrankung zur Arbeit gehen. Eine dänische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit einer Langzeiterkrankung bei Personen, die öfter als sechsmal im Jahr krank zur Arbeit gehen um 74 % höher ist als bei anderen Arbeitnehmern.

Dramatische Zahlen auch für die deutsche Wirtschaft

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat 2011 in einem „Review zum Stand der Forschung“ die Höhe der betriebswirtschaftlichen Kosten des Präsentismus anhand einer Metadatenanalyse untersucht.

Das Ergebnis: Gesundheitliche Beschwerden, die Mitarbeiter mit zur Arbeit bringen, sorgen für ein Vielfaches der Produktivitätseinbußen, die Kranke verursachen, die der Arbeit fernbleiben.(2)

Auf Grundlage einer Studie zu Präsentismus bei der Henkel KgaA errechneten Arbeitswissenschaftler beispielsweise, dass die Produktivitätseinbußen in deutschen Unternehmen aufgrund von Gesundheitsproblemen auf 12 % der Gesamtproduktivität bezifferte. Dabei waren die Einbußen durch Absentismus nur halb so hoch wie die durch Präsentismus.

Im Jahr 2009 lagen die durchschnittlichen Unternehmenskosten pro Mitarbeiter durch Präsentismus bei 2.399 €. Die durchschnittlichen Unternehmenskosten pro Mitarbeiter durch Absentismus beliefen sich im Vergleich dazu auf 1.199 €. Der RoI für Unternehmen, die rechtzeitig Maßnahmen zur Prävention von Präsentismus ergreifen, liegt somit auf der Hand.(3)

Auch das Bruttoinlandsprodukt leidet unter dem Verlust von Arbeitsproduktivität in Form von Präsentismus. Dies belegt ein Studie der Strategieberatung Booz & Company (PwC Strategy&Germany, GmbH 2011). So verliert die deutsche Volkswirtschaft etwa rund 10% durch Arbeitnehmer, die erkrankt zur Arbeit gehen.

Bewusstsein für die Problematik des Präsentismus fehlt noch

Noch immer ist die Datenlage zum Präsentismus in Deutschland dürftig. Offensichtlich wurde das Problem noch nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst. Auch gibt es bisher kein „einheitliches, akzeptiertes Vorgehen“, mit dem Zahlen zu Absentismus und Präsentismus in monetäre Werte umgerechnet werden könnten. Der „Bedarf an … empirischer Forschungs- und Entwicklungsarbeit“, den M. Steinke und B. Badura, Autoren der zitierten Präsentismus-Studie für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, konstatieren, ist also hoch.(4)

Häufigste Gründe für Präsentismus

Wo die empirische Arbeitswissenschaft bei der Berechnung von betriebs-und volkswirtschaftlichen Kennzahlen noch Nachholbedarf hat, ist die Arbeitspsychologie bereits einen Schritt weiter: Die Gründe, die Menschen haben, wenn sie trotz Krankheit zur Arbeit gehen, sind über die Auswertung von Fragebögen und Umfragen vergleichsweise gut dokumentiert.

Grund 1 für Präsentismus: Kollegen entlasten

Oft ist es der Gedanke, dass Kollegen die Fehlzeiten auffangen müssen, die Menschen dazu antreibt, krank zur Arbeit zu gehen. Sie ignorieren die Warnzeichen des eigenen Körpers, um Mehrarbeit für andere zu vermeiden, weil sie meinen, den Kollegen und dem Team mehr als sich selbst verpflichtet zu sein.

Grund 2 für Präsentismus: Arbeit soll nicht liegen bleiben

Ist das Arbeitspensum immer nur gerade so und wenn überhaupt, nur dann zu bewältigen, wenn niemand ausfällt, ist es leider eine logische Konsequenz, dass Mitarbeiter mehr den Kollaps der Arbeitsabläufe als den eigenen Zusammenbruch befürchten. Insbesondere in kleinen Unternehmen, in denen der Personalbestand ohnehin eng bemessen ist, sind Arbeitnehmer schneller überlastet und einem umso höheren Druck ausgesetzt. 

Grund 3 für Präsentismus: (Vermeintliche) Unentbehrlichkeit

Hat sich ein Mitarbeiter lange alleine mit einem Projekt beschäftigt, wird er fast zwangsläufig annehmen, dass niemand anders in der Lage ist, seine Arbeit fortzusetzen, wenn er ausfällt. Vielleicht ist das eine subjektive Fehleinschätzung. Unter Umständen steht dahinter aber auch ein Führungsproblem. Schließlich ist die Frage nach einer Vertretung offensichtlich nicht rechtzeitig geklärt worden.

Grund 4 für Präsentismus: Angst um den Arbeitsplatz

Wer in einem befristeten Vertragsverhältnis steht oder in einer Anwartschaft auf die endgültige Beförderung hinarbeitet, steht unter zusätzlichem Druck und will nicht riskieren, durch Fehlen seine Position aufs Spiel zu setzen.

Grund 5 für Präsentismus: Übliches Verhalten in der Firma

Jede Unternehmenskultur ist von vielen unausgesprochenen Regeln geprägt, die vorgeben, wie das soziale Miteinander strukturiert ist, und welches Verhalten die Teammitglieder voneinander und Vorgesetzte von Mitarbeitern erwarten.

Wer erlebt, dass es normal ist, wenn Mitarbeiter, vermummt in einen Schal und bewaffnet mit einer Großpackung Taschentücher zur Arbeit kommen – auch, wenn sie dabei seufzen, dass sie am liebsten zu Hause geblieben wären – überlegt selbst zweimal, ob er direkt zum Arzt oder doch noch zur Arbeit geht.

Grund 6 für Präsentismus: Chef verlangt es

Das Thema Fehlzeiten ist in vielen Unternehmen ein stark negativ konnotierter Dauerbrenner. Mitunter werden sogar Prämienzahlungen oder Zusatzleistungen nur dann (voll) ausgezahlt, wenn die Zahl der Fehltage einen Schwellenwert nicht überschreiten. Daraus können Mitarbeiter leicht ableiten, dass der Chef verlangt, dass sie auch krank zur Arbeit kommen.

Grund 7 für Präsentismus: Krankheiten werden nicht ernst genommen

Auch ein „nur“ grippekranker Mitarbeiter kann in einem Großraumbüro schnell eine Erkältungswelle verursachen und die Gesamtproduktivität des ganzen Teams nachhaltig verringern. Auch gesundheitliche Probleme, die keine äußerlichen Anzeichen haben müssen, können schwerwiegend sein und sollten nicht unterschätzt werden. Das gilt insbesondere, da die Zahl der Arbeitsausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren weiter deutlich zugenommen hat.

Was tun, um Präsentismus zu vermeiden?

Ist das Risiko erst einmal erkannt, lässt sich einiges tun, um Präsentismus im eigenen Unternehmen zu vermeiden.

Arbeitszeiterfassung als Instrument verwenden

Eine Analyse der Überstundenzeiten in Abgleich zur Fehlzeitenstatistik kann helfen, das Phänomen „Arbeit trotz Krankheit„ besser zu ergründen. Machen Mitarbeiter viele Überstunden, muss das nicht ein Zeichen für deren besonderes Engagement sein. Vielleicht ist das Überstundenkonto ein Anzeichen dafür, dass die Abteilung des Mitarbeiters unterbesetzt und die Arbeitslast dort zu hoch ist?

Probezeiten und Befristungen überdenken

Die Gestaltung der Arbeitsverträge ist eine wichtige Stellschraube: Wer deutlich macht, dass auch im Falle einer Erkrankung das Beschäftigungsverhältnis nicht in Gefahr ist, kann Präsentismus vermeiden.

Kranke Mitarbeiter nach Hause / zum Arzt schicken

Anstatt Mitarbeiter zu sanktionieren, die sich krankmelden, sollten Sie konsequent jeden Mitarbeiter zurück nach Hause schicken, der krank zur Arbeit kommt. Machen Sie deutlich, dass Sie personell beziehungsweise planerisch so gut aufgestellt sind, dass immer jemand in der Lage ist, zu übernehmen.

Pausen statt pausenlos Leistung fordern

Pausen sorgen dafür, dass die Arbeit anschließend mit neuem Schwung und Konzentration schneller weitergeht. Mit verpflichtenden Pausenzeiten signalisieren Sie, dass eine ausgewogene Balance aus Be- und Entlastung die Grundlage dafür ist, ein Ziel maximal effizient zu erreichen.

Sensibilisierung für das Thema Gesundheit

Der sensible Umgang mit dem eigenen Körper und ein geschärftes Bewusstsein für die Gesundheit sind die Basis dafür, im Unternehmen eine gesunde Work-Life-Balance zu etablieren. Veranstalten Sie einen Gesundheitstag, informieren Sie Ihre Mitarbeiter über die Einführung eines betrieblichen Eingliederungs- oder Gesundheitsmanagements und machen Sie dabei auch „Arbeit trotz Krankheit“ zum Thema.

Vorgesetzte sollten mit gutem Beispiel vorangehen

Gehen Sie verantwortlich mit der eigenen Gesundheit um. Vorgesetzte sind in einer Vorbildrolle. Statt den Druck auf Mitarbeiter durch zahlreiche Überstunden unbeabsichtigt zu erhöhen, sind Sie besonders gefragt, zu zeigen, dass der Bogen der eigenen gesundheitlichen Belastbarkeit nicht überspannt werden darf.

Fazit zum Thema Präsentismus

Präsentismus stellt eine unterschätzte, aber sehr ernst zu nehmende Bedrohung für Mitarbeiter und Unternehmen dar. Um langfristig die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter zu fördern und Verluste zu vermeiden, sollte das Thema „ Arbeit trotz Krankheit“ einen hohen Stellenwert in der Entwicklung und Kultur Ihres Unternehmens einnehmen. Werden Sie als Geschäftsführer und Vorbild für die Belegschaft aktiv! Bieten Sie zusätzlich eine Lösung für das Erfassen von Arbeitszeiten an. Dies kann dem Unternehmen, sowie den Mitarbeitern dabei helfen rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen.

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